Weihnachten 2009
Das geschenkte Gesicht

Eine wahre Weihnachtsgeschichte von Frank Franke

Seit Tagen sind der kleine Moise und seine Mutter Seraphine auf den staubigen Straßen von Kigalis größtem Slum Remera unterwegs. Die meisten Menschen schauen beim Anblick des neun Jahre alten Kindes entsetzt zur Seite.
Moise ist vor drei Jahren in eine Feuerstelle gefallen und hat dabei schreckliche Verletzungen erlitten. Sein Gesicht wurde zerstört, außerdem hat er den rechten Unterarm verloren. Mutter und Kind sind völlig mittellos, leben von den Almosen mitleidiger Menschen. Für Seraphine gibt es kein Morgen, keine Hoffnung auf eine Besserung ihrer schwierigen Lage. Sie weiß, dass sie und Moise keine Chance haben, wenn nicht irgendetwas Unerwartetes, Großes passiert. Vor Jahren, gleich nach dem Unfall, hatten Ärzte aus Deutschland versucht Moise zu helfen. Aber diese Ärzte waren jetzt weit weg und in ihrem Heimatland Ruanda, gab es keine Unterstützung. Also lebte sie jeden einzelnen Tag mit dem tiefen Wunsch, dass von irgendwo her ein Lichtstrahl käme.

Ruanda ist ein kleiner, dichtbevölkerter Staat in Ostafrika, indem große Armut herrscht. Überall kann man die Nachwehen des fürchterlichen Völkermords von 1994 spüren, bei dem hundert Tausende ums Leben kamen. Noch immer sind die Menschen bedrückt, misstrauisch und verschlossen. Immer wieder werden die Besucher des Landes an den furchtbaren Genozids erinnert.
In Nyamata, einem weitläufigen, breitgezogenen Dorf steht als Zeitzeuge die Kirche in der Tausende bestialisch ermordet wurden.
An der Eingangspforte befindet sich ein großes Schild, auf dem in der Landessprache Kinyarwanda die beeindruckenden Worte stehen:
"Hättest Du mich gekannt, hättest Du mich nicht getötet!"
Früher hatten die Tutsi und Hutu friedlich miteinander gelebt. Sie verband eine gemeinsame Sprache und manchmal war der einzige Unterschied, dass jemand der mehr als zehn Rinder besaß ein Tutsi war. Bei weniger als zehn war er ein Hutu. Dann kamen die Kolonialmächte und haben die Hutu gegen die Tutsi aufgehetzt. Über 90 Prozent der Tutsi wurden im darauf folgenden Bürgerkrieger.

Das Schicksal des kleinen Moise ist bereits im Jahr 2008 in Deutschland bekannt geworden. Bei einem Besuch im ruandischen Butare hatte sein Anblick einen Besucher aus Deutschland erschüttert. Er beschloss dem Kind zu helfen und nahm Kontakt mit der deutschen Hilfsorganisation Luftfahrt ohne Grenzen auf. Durch ihre Vermittlung erklärte sich der Facharzt für plastische Chirurgie Dr. André Borsche sofort bereit das Kind kostenlos zu operieren.
Umso größer war der Schock als eine erneute Kontaktaufnahme mit Mutter und Kind in Kigali scheiterte. Sie waren auf den dicht bevölkerten Straßen Ruandas verschwunden.

Als engagierte Helfer erwiesen sich Mitarbeiter der deutschen Botschaft in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Sie setzten alle Hebel in Bewegung um Moise und seine Mutter wiederzufinden, die noch immer völlig mittellos und ohne festen Wohnsitz auf Wanderschaft durch Ruanda waren.

Die Zeit drängte, da die Hautverpflanzungen weiter wuchern und die Gefahr besteht, dass Moise erstickt.

Wochenlang war die Gruppe der Suchenden unterwegs. Dann kam die erste positive Nachricht. Mutter und Kind waren gesehen worden.
Trotzdem dauerte es weitere Wochen bis die beiden endlich gefunden waren.

Dann ging alles ziemlich schnell. Ein Operationstermin in Bad Kreuznach wurde vereinbart, Flugtickets organisiert, die Reise in ein neues Leben konnte beginnen.

An Bord von Lufthansa Flug LH 653 von Addis Abeba nach Frankfurt sitzen der kleine Moise und seine Mutter Seraphine in der ersten Reihe. Sie sind aufgeregt, beide sind noch nie in ihrem Leben geflogen. Nun blicken Sie ängstlich auf das was nun geschehen würde. Die Besatzung des Airbus bemüht sich mit großer Aufmerksamkeit um einen kleinen Jungen, der bisher nur die Schattenseiten des Lebens kannte.

Dann macht LH 653 eine sanfte Rechtskurve und setzt wenig später auf dem Flughafen in Frankfurt auf. Hier warten inzwischen zahlreiche Helfer auf Moise und seine Mutter.

Vom Frankfurter Flughafen setzt sich eine Wagenkolonne in Bewegung und rollt in Richtung Bad Kreuznach. Dort warten Dr. André Borsche und mehrere Kollegen auf den kleinen Patienten.

Vorsichtig und schüchtern geht Moise auf Dr. André Borsche zu. Der Arzt breitet die Arme aus, legt sie über Moise und hebt ihn hoch. Ein schüchternes Lächeln huscht über das Gesicht des kleinen Jungen. Moise ist am Beginn eines langen, hoffnungsvollen Weges angekommen.

Vier Tage später hat ein Spezialistenteam in einer elfstündigen Operation begonnen, Moise ein neues Gesicht zu geben. Es wird noch viele Wochen und Monate dauern bis Schmerzen und Angst überstanden sind und dafür Hoffnung und Zuversicht das Leben von Moise bestimmen.

Moise, ein kleiner Junge mit vielen großen Wünschen und einer neuen Zukunft.

Ende